Cursus Continuus Ausgabe B, Buch 1, Lektion 23: Orpheus in der Unterwelt

(1)
"O ihr Gottheiten der unter der Erde gelegenen Welt: Ich bin nicht zu euch hinabgestiegen, um eure Königreiche zu sehen und nicht um Cerberus, das schreckliche Monster zu fesseln. Der Grund meines Weges ist meine Ehefrau, die ich gerade verlor. Ich bin als Flehender hier, damit ihr sie mir zurückgebt. Wenn sie eine gebührende Anzahl von Jahren verbracht hat, wird sie euch gehören; wenn sie ihr Leben gelebt hat, wird sie nicht ungern dahin eilen, wohin alles Sterbliche eilt. Ihr regiert (haltet) nämlich das weiteste Königreich der menschlichen Gattung. Wenn ihr mir meine Frau zurückgebt, werde ich euch sehr dankbar sein und (euch) eure Nachsicht/Milde immer in meinen Liedern loben. Wenn sie mir aber verweigert wird, wenn meine Bitten nicht erhört werden, werde ich nicht mehr an das Tageslicht zurückkehren: Dann (er-)freut euch am Tod von Zweien!"
(2)
Darauf bewegte Orpheus, der mit süßer Stimme sang, das Herz der Proserpina; und die Worte des Singenden bewegten die Königin der toten. Die toten Seelen standen weinend da und weder Tantalus versucht, das entkommende Wasser zu fangen, noch wälzte Sysiphus den Fels, noch quälten Vögel Titium, indem sie dessen Leber abrissen. Darauf wurden die ersten Tränen in den Augen der Rachegöttinnen gesehen, weil sie das traurige Schicksal Orpheus' schmerzte. Diesem, als er derartig bat, gab Proserpina die Ehefrau mit dieser Bedingung: "Wenn du beim Zurückgehen die Augen wendest und Eurydike von dir erblickt werden wird, bevor du die Unterwelt verlassen hast, verlierst du sie sofort!"
Schon legte Orpheus den Weg mit der Ehefrau zurück, die wegen der wunde langsam ging, schon hatten sie sich dem Rand der Erde genähert, als jener vor Liebe glühend die Augen wendet - und sofort entschwindet Eurydike, die geliebte Ehefrau!
Claron hielt den zurückkehrenden Orpheus zurück und brachte ihn nicht noch einmal hinüber. Dennoch überliefern Dichter dem Gedächtnis der Nachwelt, dass er sieben Nächte weinend und Schmerz empfindend dort geblieben ist.