Cursus Continuus Ausgabe B, Buch 2, Lektion 3: Antigone
(1)
Schon zu Lebzeiten des Ödipus hatten dessen SöhneEteokles und Polyneikes niteinander gestritten, wem nach dem Tod des Vaters, die Herrschaft zufallen solle. Nachdem dieser sich, als eine Untaten endeckt waren, des Augenlichts beraubt hatte, übertrug er die Herrschaft seinen Söhnen für jeweils ein Jahr. Dann floh er, geführt von seiner Tochter Antigone, aus Theben. Als ein Jahr vergangen war, forderte Polyneikes die Herrschaft von seinem Bruder Eteokles. Der aber verweigerte sich, den Thron zu räumen. Daher rief Polyneikes Verbündete zusammen , stellte ein grosses Heer auf und zog mit sieben Heerführern nach Theben, um die Stadt mit Gewalt zu nehmen. In dieser Hoffnung getäuscht, maß er sich im Zweikampf mit Eteokles. Nachdem beide Brüder in diesem Kampf gefallen waren, wurde Kreon zum König ernannt. Der ließ Eteokles mit höchsten Ehren bestatten, den Leichnam des Polyneikes aber, weil er seine Heimat verraten hatte, den Vögeln und Hunden vorwerfen. Außerdem stellte er Wachen auf, denn er wollte verhindern, dass ihn jemand heimlich bei Nacht bestatten wage.
(2)
Antigone aber, die nach dem Tod ihres Vaters nach Theben zurückgekehrt war, versuchte, obwohl sie das Gebot des Königs kannte, trotzdem, den Bruder eigenhändig mit Erde zu bedecken. Während sie das tun wollte, wurde sie von Leuten, die die Leiche bewachten, festgenommen und zum König geführt. Als Kreon fragte: "Auf wessen Veranlassung hast du meine Weisungen mißachtet?" sie erwiderte:" Auf niemands Veranlassung; ich muss aber den Geboten der Götter mehr gehorchen als den deinen. "Kaum hatte er diese Worte vernommen, da geriet Kreon in höchsten Zorn und ließ das Mädchen lebendig begraben, ohne das einer seiner Untertanen sich wiedersetzte, ohne daß einer es verhinderte. Haemon allein, der Sohn des Königs, öffnete das Grab und wollte Antigone retten- doch umsonst: Das Mädchen hatte schon selbst seinem Leben ein Ende gemacht. Da es tot war, suchte auch Heamon den Tod, und seine Mutter wurde, als sie vom Schicksal ihres Sohnes hörte, vom Schmerz dahingerafft. Kreon aber bedauerte , nachdem er alle seine Angehörigen durch eigene Schuld verloren hatte, zu spät seinen Starrsinn.